AUS DEN ZWEIGSTELLEN

Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 3 · September 2014

Ludmila Lindecke-Profir zu Besuch im jüdischen Verein „Stetl“ in Schöneiche

Brandenburger Aktivitäten in der mobilen Beratung und Betreuung

Seit 16 Jahren hat sich ein mobiles Beratungssystem der ZWST im Land Brandenburg entwickelt, dass den jüdischen Gemeinden und ihren Mitgliedern zur Seite steht. Seit 16 Jahren organisieren Matthias Jahr und Ludmila Lindecke-Profir eine professionelle und zuverlässige Beratung an Standorten des Landes, in denen sich jüdische Gemeinden infolge der Zuwanderung neu gegründet haben. Daniil Prizamd bietet Infoveranstaltungen und Vorträge zu religiösen, historischen und aktuellen Themen an und schlägt damit eine Brücke für die kulturelle Integration der Gemeindemitglieder mit Migrationshintergrund.

Das Büro des überregionalen Teams befindet sich in Potsdam. Von hier aus wird auch die Interessenvertretung im Landesintegrationsbeirat, in der Brandenburger Liga der Freien Wohlfahrtspflege, in regionalen Netzwerken für Integration/Migration, sowie die Kooperation mit Entscheidungsträgen auf kommunaler- und Landesebene wahrgenommen.

Aktuelle Schwerpunkte:

„Der Rückgang der Zuwandererzahlen in den letzten Jahren hat nicht zum Rückgang der Beratungs- und Betreuungstätigkeit geführt, im Gegenteil, die vorhandenen Probleme erfordern eine höhere Beratungsintensität und auch Mobilität. Zweimal monatlich bieten wir z.B. in der 125 km entfernten jüdischen Gemeinde in Cottbus Beratung an. Allgemein haben die Beratungsbedarfe aufgrund der Schwierigkeiten bei der Jobsuche, aber auch zum Thema Gesundheit, und bezüglich der Familienzusammenführung im Inland zugenommen. Angestiegen ist auch der Bedarf nach Rechtsberatung bzw. Begleitung bei Beschreitung des Rechtsweges.  Wer lange oder dauerhaft abhängig ist von staatlichen sozialen Transferleistungen, muss leider immer häufiger sein Recht einfordern. ´Gegen die Staatsgewalt vorgehen`, das war für Bürger der ehemaligen Sowjetunion fast ein Tabu-Thema. Hier ist es an uns, dem Ratsuchenden deutlich zu machen, dass man keine Sorge vor Folgen haben muss und es auch keinen anderen Weg der Klärung gibt, wenn man sich im Recht meint.

Aufgrund der zunehmenden Überalterung in den Brandenburger Gemeinden, ist die Zukunft der älteren Gemeindemitglieder ein Schwerpunkt unserer Initiativen. Für seniorengerechte Wohnformen gibt es im Land Brandenburg seit dem Holocaust keine soziale jüdische Infrastruktur mehr. Hier gilt es, Alternativen zu entwickeln, wie z. B. in Frankfurt/Oder, wo in Zusammenarbeit mit dem Diakonischen Werk und der Stadtverwaltung ein Wohnbereich für ältere Gemeindemitglieder und ihre Angehörigen in jüdischen Zusammenhängen (koschere Küche, Möglichkeiten der Religionsausübung) in einer Einrichtung der Diakonie entstehen soll.“

Matthias Jahr

 

Nachfrage bestimmt das Angebot:

„Aktuell führe ich in allen Brandenburger Gemeinden eine Vortragsreihe zu einem komplizierten, aber immer wichtiger werdenden Thema durch: ´Vorsorgemöglichkeiten. Vollmacht, Betreuungs- und Patientenverfügung, gesetzliche Betreuung. Was sollte ich wissen?` Den Bedarf für das jeweilige Thema meiner Vortragsreihen ermittele ich bei regelmäßigen Sprechstunden in den Gemeinden -  von A wie Antrag bis Z wie Zwangsräumung. Der Fall von Frau G. war für mich der Anlass, die Vortragsreihe zum o.g. Thema zu organisieren: Frau G. wurde ins Krankenhaus eingeliefert, einer OP sollte zugestimmt werden. Als die Tochter mit der vorhandenen Vollmacht vorsprach, hat der Arzt die Vollmacht nicht anerkannt, und beantragte beim Gericht einen Betreuer für Frau G., die unter anderem auch an Demenz leidet. Nach dem entsprechenden Prozedere kam die Antwort des Gerichts: Frau G. hat vorgesorgt, in dem sie ihren beiden Töchtern 2005 eine Vollmacht erteilte. Daher besteht kein Grund, einen Betreuer vom Gericht einzusetzen.

Ein weiterer Schwerpunkt meiner Tätigkeit ist seit langem die Beratung von Überlebenden des Holocaust bei der Beantragung finanzieller Unterstützung. Mit vielen besteht bis heute eine besondere Vertrauensbasis, eine der wichtigsten Voraussetzungen für meine Arbeit. Weitere Beratungsthemen betreffen Leistungen der Sozialversicherungen, Fragen zu Schwerbehinderung, Wohnungswechsel, Gesundheitssorge, Familiennachzug bzw. -zusammenführung, Umzug in ein anderes Bundesland, Trauerarbeit… aber auch Probleme des täglichen Lebens, wie z.B. Klärung von Nachbarschaftsstreitigkeiten. In Potsdam werden demnächst die Betriebskostenabrechnungen für 2013 verschickt, und es ist mit Nachzahlungsforderungen zu rechnen. Vielleicht ein Thema für meine nächste Vortragsreihe.“

Ludmila Lindecke-Profir

 

Mit Leidenschaft für jüdische Geschichte und Philosophie:

„Seit 15 fahre ich regelmäßig in die Gemeinden des Landes Brandenburg und halte dort Vorträge zu jüdischer Geschichte, jüdischer Tradition und informiere über aktuelle politische Themen. In dieser Zeit haben sich Interessengruppen herausgebildet: Während in der einen Gemeinde leidenschaftliche Diskussionen zur jüdischen Philosophie stattfinden, bespricht man in einer anderen Gemeinde bevorzugt die jüdische Geschichte. Bemerkenswert ist, dass in einigen Gemeinden auch nicht-jüdische Zuhörer an den Veranstaltungen teilnehmen.

Vor einer aktuellen Vortragsveranstaltung in Frankfurt/Oder treffe ich auf eine leidenschaftliche Diskussion über die von Israel gestartete Bodenoffensive. Während der hitzigen Debatte stelle ich mir die Frage, wie kann ich die Teilnehmer zum eigentlichen Vortragsthema aus der jüdischen Geschichte führen? Dieses Thema lautet ´Bejn ha Mejzarim` und bezieht sich auf die Trauerwochen zwischen dem 17. Tamus und dem 9. Aw (15. Juli bis 05. August). In dieser Zeit gedenken die Juden der Zerstörung des ersten und zweiten Tempels. Dies passt zum aktuellen Kontext: Seit Jahrtausenden kämpfen die Juden für ihre Unabhängigkeit. Und auch heute macht das Land alles, um seine Unabhängigkeit zu bewahren. Der Einstieg ist gefunden und die Zuhörer eingebunden.“

Daniil Prizamd

 

 

Formular wird gesendet...

Auf dem Server ist ein Fehler aufgetreten.

Formular empfangen.

Schicken Sie uns Ihre Anregungen und Kommentare, auch Ihre Fragen zum Artikel:

Herausgeber.:

ZWST, Hebelstr. 6
60318 Frankfurt/M.
Tel.: 069 / 944371-0
Fax: 069 / 49 48 17
www.zwst.org

Redaktion und Satz:

Heike von Bassewitz
069 / 944371- 21
bassewitz@zwst.org

Gestaltung:

Andrej Kulakowski

www.a-kulakowski.de

design@a-kulakowski.de