Das Sozialreferat informiert: Fortbildung zum Thema Demenz

Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 4 · Dezember 2014

Anzahl der an Demenz Erkrankten in Deutschland: 1,4 Mio aktuell, Im Jahr 2030: geschätzt 2,5 Mi.  (Quelle: Weltgesundheitsorg.)

Arbeit im Workshop

„Hätte ich das eher gewußt...“ - Schulungen für Demenzbegleiter. Interview mit der Seminarleiterin Graziella Gubinsky

Liebe Graziella, die im Jahr 2012 gestartete Fortbildungsreihe ist nicht das erste Angebot der ZWST für haupt- und ehrenamtliche Gemeindemitarbeiter und Angehörige. Kannst du uns etwas zu den Hintergründen sagen?

 "Wir starteten 2007 und 2008 mit einer ersten Fortbildungsreihe. Unser Angebot stieß trotz Zunahme der Erkrankungen zunächst auf wenig Resonanz. Ähnlich wie zu Beginn unserer Angebote für Menschen mit Behinderung gibt es bei diesem  Thema eine Hemmschwelle bei Betroffenen und Angehörigen. Auch wird eine beginnende Demenz nicht immer als solche wahrgenommen, weder von den Angehörigen, noch von der restlichen Lebensumwelt. Bei eindeutiger Diagnose sind die Angehörigen dann zunächst oft hilflos. Die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der jüdischen Gemeinden, Seniorenzentren und Pflegedienste werden zunehmend mit diesem Problem konfrontiert. Daher ist es wichtig, in den Gemeinden Angebote zu organisieren, die den Betroffenen und ihren Angehörigen helfen. Für unsere Schulungen wählen wir zielgruppenorientiert Teilnehmer aus, die mit Betroffenen arbeiten oder sich in diesem Bereich engagieren wollen."

Die Schulungen für Demenzbegleiter (zertifiziert nach § 45b, SGB XI) richten sich in erster Linie an Ehrenamtliche und sollen sie befähigen, ein niedrigschwelliges Hilfe- und Betreuungsangebot zu organisieren bzw. an ihnen mitzuwirken. Was sind die Inhalte?

"Dazu gehören zunächst Basics zum Krankheitsverlauf, zur Diagnose, Therapiemöglichkeiten, Prävention, rechtliche Grundlagen, Informationen über bestehende Ansprüche. Ein wichtiges Ziel ist die Sensibilisierung der Teilnehmer für das Krankheitsbild, um eine Demenz frühzeitig zu erkennen. Die Symptome werden oft verwechselt mit normaler Vergesslichkeit im Alter oder einer Depression. Ein Fokus der Seminare liegt auf der Kommunikation mit den Betroffenen. Wir geben den Seminarteilnehmern Tipps und Hilfestellung für einen würdevollen Umgang mit den Betroffenen im Alltag. Ein zentrales Thema ist die wertschätzende Kommunikation. Wir müssen uns an den Ressourcen orientierten, bei den  Betroffenen sind das die Emotionen. Es heißt: ´Das Herz wird nicht dement`! Daher muss ich die Gefühle des Erkrankten ernst nehmen, der sich oft in einer anderen, vergangenen Welt bewegt."

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Entlastung von pflegenden Angehörigen, der in Zukunft auch noch mehr Raum gegeben werden soll.

"Ja, mittlerweile höre ich immer wieder von Angehörigen: ´Hätte ich das doch eher gewußt….` Nach unserer Erfahrung sind das in der Regel die jeweiligen Partner oder die Kinder, die aufgrund der hohen Belastung oft von Depression, Burn-Out, anderen psychosomatischen Erkrankungen und sozialer Isolation bedroht sind. Sie sind oft nicht bereit, Hilfe anzunehmen. Da die meisten Angehörigen einen Migrationshintergrund haben, sind sie doppelt belastet, da es kaum muttersprachliche Informationen und Angebote gibt. Diese Situation verstärkt die Isolation und das Gefühl der Hilflosigkeit der betroffenen Familien."

Was bieten andere Verbände und soziale Einrichtungen für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen, die einen Migrationshintergrund haben?

"Der Umgang mit an Demenz erkrankten Migranten, die oft auch Holocaustüberlebende sind, birgt besondere Herausforderungen, sprachlich, kulturell... Schon lange leben Menschen aus anderen Ländern in  Deutschland und doch mangelt es bei den Verbänden noch erheblich an interkulturellen Angeboten. Daher ist auch der gute Kontakt der ZWST und der jüdischen Gemeinden mit anderen Wohlfahrtsverbänden, der Alzheimer Gesellschaft und anderen Fachverbänden vor Ort ganz wichtig, um einen Synergieeffekt zu erzielen. Wir freuen uns, immer wieder kompetente Referenten in unseren Schulungen begrüßen zu können."

Im Dezember 2014 endete die zweite Schulung für 17 Demenzbegleiter, die ihre Zertifikate erhalten haben. Was waren die spezifischen Themen?

"Neben Vertiefungen der o.g. Inhalte waren dies Angebote für Betroffene: Bewegung und Gehirntraining, die sog. ´10-Minuten-Aktivierung`, Sinneserfahrungen und kreatives Gestalten, Raumgestaltung für Menschen mit Demenz, Erinnerungsarbeit und anderes. Bei einem Besuch des Seniorenzentrums der jüdischen Gemeinde Frankfurt erhielten die Seminarteilnehmer einen Einblick in die Arbeit für und mit Menschen mit Demenz."

Der Bedarf nach gut ausgebildeten Personal wächst. Hier ist die ZWST gefordert, was sind die Themen der Zukunft?

"Das Seminarangebot soll ausgebaut werden, wir wollen regionale sowie überregionale Seminare und Infoveranstaltungen anbieten, um einen größeren Interessentenkreis zu erreichen. Hier soll einerseits Basiswissen vermittelt werden, es geht aber auch um ein zusätzliches Angebot für Angehörige (Gesprächsgruppen, Trainings u.ä.) Konkret planen wir ein Angebot zum Thema Demenz und Musik. Darüber hinaus wollen wir in unseren Seminaren über weitere Möglichkeiten und Ideen informieren, z.B. die Bildung von ´Lokalen Allianzen`, d.h. die Bündelung von Akteuren auf kommunaler Ebene, die den Betroffenen helfen, trotz Demenz ihren Alltag so normal wie möglich zu leben."

Vielen Dank!  HvB, ZWST, Fotos: G. Gubinsky

 

Aron Schuster, stellv. Direktor der ZWST, überreicht die Zertifikate

 

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