Das Sozialreferat informiert: Fachtagung

Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 4 · Dezember 2014

Treffpunkte für Überlebende des Holocaust: zunehmend mobil

Die ZWST hat die Tagung zum Anlass genommen, 3 der insgesamt 15 Treffpunkte für Holocaustüberlebende vorzustellen und hat sich mit den Leiterinnen unterhalten:

Treffpunkt der jüdischen Kultusgemeinde Kreis Recklinghausen (LV Westfalen), geleitet von Jana Stachevski (Sozialarbeiterin B.A.)

„Der 2009 gegründete Treffpunkt trifft sich jeden Sonntag in den Räumen einer Begegnungsstätte der Stadt Recklinghausen. Darüber hinaus werden in Dorsten nicht mehr mobile Gemeindemitglieder betreut, im Integrationsbüro Marl treffen sich wöchentlich rund 15 Treffpunktbesucher. In Recklinghausen kommen rund 15 Personen regelmäßig zusammen,  die Besucherzahlen steigen bei besonderen Veranstaltungen und Festen auf 30 bis 40 Personen an. Zum Programm gehören Vorträge zu Israel und jüdischen Themen, kulturelle Veranstaltungen, die von den Besuchern selbst oder von geladenen Referenten organisiert werden, Ausflüge in die nähere Umgebung oder einfach nur ein Spaziergang im Park. Unseren Treffpunktbesuchern geht es in erster Linie um Kontakt und Austausch, sie wollen raus aus ihren 4 Wänden, solange sie noch können. Mir liegt es sehr am Herzen, innerhalb der Gemeinde den Austausch mit jüngeren Generationen zu fördern, man kann füreinander da sein. Ich könnte mir die Gemeinde sehr gut als eine Art ´Mehrgenerationenhaus` vorstellen.“

Treffpunkt der jüdischen Gemeinde Weiden (LV Bayern), geleitet von Dora Mirochnik, Diplom-Betriebswirtin (FH) und Sozialarbeiterin

„Die Betreuung von Holocaustüberlebenden ist ein Mittelpunkt unserer sozialen Arbeit. Die ersten Aktivitäten für Senioren wurden schon im Jahr 1997 angeboten. Die Bedürfnisse und die hohe Anzahl der Besucher des Treffpunkts führten zur Ausweitung des Gemeindeangebots. Wir arbeiten individuell mit Überlebenden in der Gemeinde und in ihren eigenen 4 Wänden. Es werden persönliche Beratung, individuelle Hilfen, Abholdienste und Biographiearbeit angeboten. Mit größeren Gruppen organisieren wir Gesprächsrunden und Vorträge über die deutsche, russische und jüdische  Geschichte, Kultur, Literatur und Musik, das wird von den Teilnehmern zum Teil selbst gestaltet. Zum Programm gehören weiterhin wöchentliche Deutschkurse und Gedächtnistraining. Einmal monatlich holen wir nicht mehr mobile Gemeindemitglieder zu einem koscheren Essen in die Gemeinde. Auch besuchen wir andere Gemeinden, Konzerte und Lesungen, dieses Jahr haben wir am Festival ´Limmud` teilgenommen. Der Vorstand der Gemeinde, die Sozialarbeiterinnen und die Ehrenamtlichen machen die Arbeit mit Holocaustüberlebenden in erster und zweiter Generation möglich. In diesem Jahr wurde Alla Dubrovina für ihr zehnjähriges ehrenamtliches Engagement im Bereich Seniorenarbeit mit einem Ehrenpreis der Stadt Weiden ausgezeichnet.“

Treffpunkt Dessau (LV Sachsen-Anhalt), geleitet von Polina Flihler (Sozialarbeiterin B.A.)

„Unser Treffpunkt kann seit seiner Gründung 2009 eine wachsende Anzahl von Teilnehmern begrüßen. Die älteren Gemeindemitglieder waren zunächst sehr zurückhaltend, wir mussten viel Geduld mitbringen, um Schritt für Schritt das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Seit 2011 gibt es zudem eine Außenstelle in Wittenberg. Wir treffen uns regelmässig (3-4x monatlich) zu kreativen Aktivitäten, einem kulturellen Programm (Konzerte, Theater) und bieten psychologische Beratung in der russischen Muttersprache an. Auch regen wir unsere Besucher dazu an, selber aktiv zu werden, z.B. mit einem historischen Vortrag. Einmal monatlich organisieren wir eine größere festliche Veranstaltung, wie z.B. der Besuch der Tanzgruppe „Yachad“ der jüdischen Gemeinde zu Berlin am 30. November in Dessau. Viele Holocaustüberlebende sind alleinstehend und sehr isoliert. Daher sind Hausbesuche in verschiedenen Orten der Region, wo Gemeindemitglieder leben, ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Neben den regelmäßigen Besuchen ein- bis zweimal monatlich kommen wir auch zu den jüdischen Feiertagen und zünden z.B. die Chanukka-Kerzen gemeinsam mit den Menschen, die nicht mehr mobil sind. In Sachsen-Anhalt gibt es keine jüdische Einrichtung für Senioren. Diese Hausbesuche werden daher zunehmend wichtiger, da immer mehr ältere Gemeindemitglieder nicht mehr selbstständig leben können. Ca. 85-90 Menschen nutzen insgesamt die Angebote des Treffpunktes.“

Was war eure Motivation, die Fachtagung in Frankfurt zu besuchen?

Jana: „Für mich ist es in erster Linie die Gelegenheit, mich mit anderen Treffpunkt-Leitern, auch aus anderen Ländern, auszutauschen und wertvolle neue Kontakte zu knüpfen. Es gibt kaum eine andere Veranstaltung in dieser Größenordnung, wo das in dieser Form möglich ist. Wir können voneinander lernen und uns gegenseitig helfen.“

Dora: „Bei mir überlagert sich sicherlich mein privater, familiärer Hintergrund mit meiner sozialen Arbeit in der Gemeinde. Ich bin Angehörige der 2. Generation: Meine Großeltern wurden ermordet, meine verstorbene Mutter hat das Ghetto überlebt, mein verstorbener Ehemann war als Kind im Ghetto und KZ. Ein Schwerpunkt dieser Tagung, die generationenübergreifende Übertragung in der professionellen Arbeit mit Überlebenden, ist im übertragenen Sinne meine Familiengeschichte. Meine Tätigkeit in der Gemeinde hilft mir, diese Familiengeschichte immer wieder neu zu verarbeiten, wie eine Art ´Dauertherapie`. Doch auch der Erfahrungsaustausch mit Kollegen, neue Kontakte und produktive Gespräche mit den Vertretern der Stiftung EVZ waren für mich wichtig.“

Polina: „Diese Tagungen unterstützen mich darin, die Probleme der Überlebenden, wie z.B. fehlende soziale Kontakte und Netzwerke, erforderliche Unterbringung im Pflegeheim und der Verlust von Angehörigen aus neuer Perspektive zu betrachten. Auch bekomme ich hier Hilfestellung, wie ich mein eigenes psychisches Gleichgewicht schützen kann, wie eine Art Supervision. Die vielen informellen Kontakte helfen mir, neue Ideen zu entwickeln und so die Arbeit unseres Treffpunktes zu verbessern.“

Welche Inhalte haben euch konkret etwas gebracht für eure Arbeit in der Gemeinde?

Jana: „Mich hat vor allem der Vortrag von Prof. Dr. Esther Weitzel-Polzer beeindruckt. Das Thema ihres Vortrages zur Situation von Überlebenden, die an Demenz erkrankt sind, ist leider hochaktuell. Das sind genau die Informationen, die ich für meine praktische Arbeit brauche. Kontakte, neue Ideen, Auffrischung meines theoretischen Wissens - das nehme ich von der Tagung mit nach Hause.“

Dora: „Für mich war u.a. der Workshop  ´Trauma, Migration, Heimat(losigkeit)` sowie der Vortrag zu den religiösen Perspektiven auf Tod, Verlust und Trauer interessant. Vieles, was ich hier erfahren habe, kann ich in der Gemeinde sowie bei interkulturellen und interreligiösen Treffen und Synagogenführungen für Schüler und Erwachsene  nutzen. Auch helfen mir diese Informationen bezüglich meines Engagements im Integrations- und Sozialnetzwerk der Stadt Weiden. Diese Tagung ist der Beweis dafür, dass die ZWST immer für uns da ist, wenn Unterstützung  gebraucht wird. “

Polina: „Das Wissen über die Auswirkungen tragischer Ereignisse in der Kindheit oder Jugend und späterer Migration auf die Verhaltensmuster älterer Menschen ist ein wichtiger Schlüssel unserer Arbeit. Die überwiegende Mehrheit unserer Klientel sind Migranten, daher waren Vortrag und Workshop von Dr. Julia Bernstein zu der ´Auswirkung von Migration auf die transgenerationelle Übertragung von Traumata` absolut relevant. Dieses Thema ist auch für die Arbeit mit der zweiten und dritten Generation wichtig. Der zweite, für mich wichtige Vortrag von Prof. Dr. Weitzel-Polzer thematisierte unseren Umgang mit Menschen mit einer Demenzerkrankung. Er gab Antworten auf die Frage: Wie kann ich helfen, ohne selber das Gleichgewicht zu verlieren.“

Was wünscht ihr euch von zukünftigen Tagungen?

Jana: „Für mich ist alles wichtig, was sich auf meine tägliche Arbeitspraxis bezieht:  der Umgang mit älteren Menschen, die häufig mehrfach belastet sind, auch mit Blick auf mehr Anerkennung und Würdigung dieser Zuwanderergeneration. Vielleicht könnte man zukünftig Workshops anbieten, in denen sich Sozialarbeiter aus verschiedenen Ländern gezielt austauschen bezüglich: Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Arbeitsmethoden, Lebensqualitäten, Situation der Holocaustüberlebenden und anderes. “

Dora: „Für die nächste Tagung würde ich mich über ein vertiefendes Workshop zu den religiösen Perspektiven, das Vortragsthema von Rabbiner Julian Chaim Soussan, sehr freuen. Auch eine Stadtführung ´Auf jüdischen Spuren in Frankfurt` wäre eine gute Ergänzung des Tagungsprogrammes.“

Polina: „Ich wünsche mir, Themen wie Auswirkungen der Migration und Umgang mit Demenzerkrankungen bei zukünftigen Tagungen zu vertiefen.“

Vielen Dank! HvB, ZWST

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