Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

Ausgabe 4 · Dezember 2017

Kolumne 100: Geschichte und Entwicklung der ZWST

Teil IV: 27 Jahre Zuwanderung - Wo stehen wir heute?

Wie bereits in den letzten Beiträgen der „Kolumne 100“ deutlich wurde, ist die Historie der jüdischen Wohlfahrtspflege von Diskontinuitäten und Brüchen gekennzeichnet. Die Aufgaben der ZWST und ihr Leitbild „Zedaka“ mussten entsprechend veränderten Bedürfnissen immer wieder neu definiert werden.

Das Ende des Kalten Krieges und der Mauerfall 1989 bedeuteten auch für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland aufgrund der Zuwanderung aus Ländern der ehemaligen SU (vor allem aus den Metropolen in Russland und der Ukraine) eine einschneidende Veränderung. Zum Hintergrund dieses größten Zuwanderungsstromes seit Kriegsende: Die indirekte Unterdrückung jüdischen Lebens in der ehemaligen SU hatte sich nach der Perestroika Ende der 80er bzw. Anfang der 90er Jahre zu öffentlichen Anfeindungen und einer steigenden Angst vor Pogromen ausgeweitet. Deutschland wiederum hatte eine historische Verantwortung und sah sich in der Pflicht: Hier griff die sogenannte Kontingentflüchtlingsregelung, die es Juden aus Russland, der Ukraine und anderen Ländern der ehemaligen SU ermöglichte, unter vereinfachten Bedingungen nach Deutschland einzureisen. Dieser Zustrom übertraf die früheren Auswanderungsbewegungen quantitativ bei weitem: Die Mitgliederzahlen in den jüdischen Gemeinden hatten sich mehr als verdreifacht (rund 110.000 Personen um 2005 herum), neue Gemeinden wurden gegründet, alte Gemeinden „wiederbelebt“.

Für die jüdische Wohlfahrtspflege bedeutete dieser Einschnitt eine tiefgreifende Veränderung des Aufgabenbereiches in Richtung eines integrativen und interkulturellen „Brückenbaus“ zwischen den wenigen verbliebenen alteingesessenen Juden und den Neuankömmlingen.

Zu Beginn war die ZWST gefragt, den jüdischen Neuzuwanderern bei ihren ersten Schritten in eine fremde Gesellschaft zur Seite zu stehen, ihnen erste Orientierungen zu vermitteln und sie in die Gemeinden zu holen. Dazu gehörten Integrationsseminare sowie eine mobile Beratung und Betreuung durch Mitarbeiter der ZWST in den zentralen Auffangstellen und Flüchtlingsunterkünften. Gleichzeitig war der Verband gefragt, den Gemeinden beim Neuaufbau unterstützend zur Seite zu stehen, vor allem in den neuen Bundesländern. Anfang der 90er Jahre vergrößerte sich der Verwaltungsapparat der ZWST: In Berlin, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg wurden Zweigstellen und eine Beratungsstelle geschaffen. Mit dem Kauf des Kurhotels Eden-Park in Bad Kissingen konnte die ZWST ihr Angebot für Senioren ausweiten. Das Seminarangebot wurde vergrößert, auch die Ferienfreizeiten für Kinder und Jugendliche sowie Fortbildungen in der Jugendarbeit wurden wesentlich umfangreicher. Durch die Förderung des Ehrenamtes hat die ZWST die religiöse, kulturelle und soziale Infrastruktur in den Gemeinden gestärkt und zur Entstehung von Seniorenklubs, Jugendzentren, Tanzgruppen, Bikkur-Cholim-Gruppen und anderen Angeboten beigetragen.

Die vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass die Integration in ein neues Lebensumfeld und die Stärkung einer jüdischen Identität nicht nach einem bestimmten Zeitpunkt abgeschlossen ist und als ein langjähriger Prozess betrachtet werden sollte. Heute geht es darum, sich auf diverse Facetten und Stufen der Integration einzustellen, differenzierte interkulturelle und multifunktionale Kompetenzen sind gefragt.

Dies bedeutet für die ZWST, auf spezifische Bedarfe eine Antwort geben zu müssen. Dazu gehören die verstärkte Professionalisierung der jüdischen Sozialarbeit (z.B. psychosoziale Versorgung und Krisenintervention für Sozialarbeiter, Ausbildung von Demenzbegleitern) sowie eine Intensivierung der Jugendarbeit, z.B. eine gezielte Ansprache der jungen Erwachsenen. Diese „nachwachsende“ zweite Zuwanderergeneration benötigt Angebote, die auf ihre Bedürfnisse und Lebensstrukturen ausgerichtet sind. Eine zukunftsorientierte Nachwuchsförderung in den jüdischen Gemeinden gewinnt immer mehr an Bedeutung und soll vor allem zugewanderten Gemeindemitgliedern und -mitarbeitern neue berufliche Perspektiven und Chancen eröffnen.

Eine zentrale Herausforderung der Zukunft wird der demographische Wandel der Gemeinden sein. Daraus resultieren für die ZWST:

• Spezifizierte Fortbildungsangebote, ausgerichtet an den unterschiedlichen Bedürfnissen von Jugendlichen, jungen Erwachsenen, Menschen mittleren Alters, Senioren

• Innovative Angebote für benachteiligte Zielgruppen, z.B. im Rahmen des Inklusionsprojektes „Gesher“ für Menschen mit Behinderung, Treffpunkte für Holocaustüberlebende, Angebote für Menschen mit demenziellen Erkrankungen

• Stärkung und Förderung der Infrastrukturen in den Gemeinden, hinsichtlich der Nachwuchsförderung und Einrichtungen/Angebote für Senioren

• Bildungsprojekte, die auf stetig präsenten und zunehmenden Antisemitismus und Rassismus reagieren

• Stärkere Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen Organisationen auf kommunaler, nationaler und internationaler Ebene

HvB, ZWST

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